Über den steirischen herbst

Seit 1968 bietet der steirische herbst jedes Jahr neuen Produktionen eine Plattform, die öffentliche Debatten unterschiedlicher Art und quer durch alle Disziplinen und Medien hervorrufen und konturieren. Das Festival hat sich oft neu erfunden und die begrifflichen Grundlagen dessen, was Kultur für das Zeitgenössische bedeuten könnte, stets neu definiert.

Von Beginn an zeichnete sich der steirische herbst als eines der wenigen interdisziplinären Festivals der Welt aus. Seine unterschiedlichen Ausgaben haben den Dialog zwischen den Künsten durch Kombination ästhetischer Positionen und theoretischer Reflexionen befördert und auf diese Weise bildende Kunst, Musik, Kunst im öffentlichen Raum, Theater, Performance, Neue Medien, Literatur und alles, was dazwischen liegt, einbezogen.

Was den steirischen herbst unter anderem so einzigartig macht, ist seine Bindung an die Steiermark und die Stadt Graz. Regelmäßig wurden Werke gezeigt, die sowohl die uneinheitliche Gegenwart wie auch die komplexe, manchmal beunruhigende Vergangenheit der Stadt ausloteten.

Das Festival verfolgt ein kritisches Anliegen und unterstützt Praktiken, die engagiert und engagierend sind, ohne einfach eine Plattform alternativer Politik zu sein. Vielmehr versucht es, die Stadt in eine Bühne zu verwandeln, auf der sich das einzigartige, fantasievolle Potenzial der Kunst entfaltet – ihre Fähigkeit, zügellose Geschichten zu erzählen und die Gestalt zu verändern, unmögliche Mutmaßungen anzustellen und poetische Witze zu machen, Räume zu besetzen und die Vorstellungskraft einzunehmen.

Über die Retrospektive-Website

Der steirische herbst entstand im Kontext der europäischen Neo-Avantgarde der Nachkriegszeit und weist Ähnlichkeiten zur dreizehn Jahre zuvor gegründeten documenta auf. Beide waren lokale Initiativen an der Grenze zum Osten (die in Österreich durchlässiger war als in Deutschland), vor dem Hintergrund einer nicht vollständig aufgearbeiteten NS-Vergangenheit. Anders als die documenta war der steirische herbst als interdisziplinäres Festival gedacht und sein:e Leiter:in wurde nicht als Kurator:in bezeichnet. Vielleicht wurde er deshalb noch nicht in der Geschichte des Kuratierens berücksichtigt, die in den letzten Jahren zu einem wichtigen, wenn nicht zum wichtigsten Teil der zeitgenössischen Kunstwissenschaft geworden ist. Diese Website, die 2021 unter der Intendanz von Ekaterina Degot initiiert wurde, soll diese Lücke füllen und die reichhaltige Geschichte der kuratorischen Ansätze – oft im Spannungsfeld zwischen bildender Kunst, Performance, Theater und Musik – würdigen, die beim steirischen herbst entwickelt wurden.

Grundlage der Retrospektive-Website ist die Datenbank der Archiv-Website, die 2017 online ging und deren Struktur um viel Bildmaterial sowie eine völlig neue Ebene mit analytischen Texten zu verschiedenen kuratorischen Perioden und Ansätzen ergänzt wird. Dazu gehören die frühen Jahre, als es noch keine Intendant:in gab, und 1967, als das Festival noch nicht offiziell gegründet war, aber de facto schon existierte. Die Texte zu den kuratorischen Perioden sowie die Übersichten zu einzelnen Festivalausgaben wurden von der unabhängigen Kuratorin und Kritikerin Eva Scharrer verfasst, die sich auch mit der Geschichte der documenta befasst hat. Die Website wird für künftige Ausgaben ergänzt und ihre Mediathek so lange erweitert, wie die eigentliche Archivarbeit fortgesetzt wird.

Struktur und Methodologie der Website

Der steirische herbst war und ist ein heterogenes Festival mit einer sich ständig verändernden Struktur. Dies betrifft insbesondere das Verhältnis zwischen Projekten, die von lokalen Institutionen gestaltet werden, und den Kernprogrammen, die die Handschrift von Intendant:innen oder Kurator:innen tragen und im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen haben. Die Website versucht, diese Heterogenität abzubilden und gleichzeitig Vergleiche zu ermöglichen. Die Liste der Veranstaltungen für jede Ausgabe basiert auf den Programmheften und behält deren Struktur, Reihenfolge und Kategorisierung bei. Auch die Texte zu den einzelnen Projekten sind diesen Heften (beziehungsweise Guidebooks für 2018 und 2019) entnommen. Sie sind nicht immer namentlich gekennzeichnet.

Eine besondere Herausforderung stellte die Suchfunktion dar, da die Werkkategorien ständig umbenannt wurden. Einige Intendant:innen verließen sich auf die traditionelle Unterteilung in bildende Kunst, Theater, Musik und Performance, während es für andere entscheidend war, diese zu vermeiden. Unter Veronica Kaup-Hasler wurde das Festivalthema (das ab 1987 zur festen Größe wurde) „Leitmotiv“ genannt. Bis 2017 konnte der steirische herbst verschiedene Ausstellungen umfassen, danach wurde das Kernprogramm als eine Ausstellung betrachtet, die in Form von einzelnen Installationen, Performances oder Interventionen über die Stadt verstreut war.

Die aktuelle Klassifikation basiert auf der Archiv-Website von 2017, die die Prioritäten dieser Zeit aufzeigt, welche auch für die Interpretation älterer Ausgaben herangezogen wurden. Wir haben uns entschlossen, dies für die Retrospektive-Website nicht zu ändern, um das Erbe der vorangegangenen kuratorischen Ära zu bewahren, haben aber dennoch bestimmte Kategorien umbenannt, um sie den Praktiken in der bildenden Kunst besser anzugleichen. In „Produktionskategorien“ wurden „Auftragswerke“ und „Uraufführungen“ zusammengefasst. „Genres“ wurde in „Kunstformen“ umbenannt und umfassen nun auch „Performance“. „Art des Projekts“ wurde um neue Kategorien erweitert, um Projekte (Performance, Konzert, Ausstellung etc.) so zu kennzeichnen, wie dies die Kurator:innen des Festivals zwischen 2018 und 2020 getan haben. Die Kategorie „Reihen“ umfasst regelmäßige Veranstaltungsreihen im Programm des steirischen herbst und Festivals im Festival, von denen nur das musikprotokoll seit 1968 kontinuierlich dabei ist, während andere eine kürzere Lebensdauer hatten. Kurze Texte zu diesen Reihen, verfasst von Barbara Seyerl, die seit 2019 zum Kurator:innenteam des steirischen herbst gehört, geben einen Einblick in diese – oft innovativen – kuratorischen Bestandteile des Festivals.

Die Retrospektive-Website enthält auch eine Mediathek – ein wachsendes Archiv von dokumentarischen Videos, Künstlerinterviews und Gesprächen, die aus vergangenen Ausgaben zusammengestellt wurden und einen Einblick in die reichhalte visuelle Geschichte und den konzeptionellen Rahmen des Festivals bieten.

Rechtliche und finanzielle Basis des steirischen herbst

Die rechtliche und finanzielle Basis des steirischen herbst war bis 1974 unklar. Es gab vorerst nur einen Beschluss der Steiermärkischen Landesregierung, gemeinsam mit der Stadt Graz und dem ORF jährlich in den Monaten September, Oktober und November eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „steirischer herbst“ zu organisieren. 1968 kam der Verein der Freunde des Steirischen Herbstes hinzu, der dem Festival Förderungen vonseiten der Wirtschaft einbrachte.

1974 wurde in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts eine rechtliche Grundlage für den steirischen herbst geschaffen, zur Koordination der gemeinsamen Interessen von Land Steiermark und Stadt Graz. Demnach waren Land und Stadt als Gesellschafterinnen vertraglich dazu verpflichtet, das sogenannte Eigenbudget des Festivals bereitzustellen: Personal- und Sachleistungen sowie Mittel für Eigenveranstaltungen. Die Durchführung ging also finanziell auf sie über. Es wurde ein Präsidium, ein Direktorium und die Position eines Generalsekretärs eingeführt. Das Präsidium war eine Art Aufsichtsrat und bestand aus vier Vertretern des Landes Steiermark, drei Vertretern der Stadt Graz, dem Präsidenten des Vereins der Freunde des Steirischen Herbst und einem Vertreter des ORF sowie dem Generalsekretär. Während das auf drei Jahre bestellte Direktorium die Festivalplanung in Zusammenarbeit mit dem Programmbeirat übernahm, fungierte der Generalsekretär als beratendes Mitglied beider Gremien und war für die allgemeine Koordination verantwortlich.

1975 wurde die Steirischer Herbst Veranstaltungsgesellschaft mbH gegründet, die erstmals Eigenveranstaltungen durchführte. Die erste davon war das Kinder- und Jugendprogramm open house. Mit der Gründung der Veranstaltungsgesellschaft, die bis ins Jahr 2005 fortbestand, läutete der steirische herbst eine zunehmende Zentralisierung ein, die dazu führte, dass die bestehenden Reihen zugunsten eigens kuratierter und thematisch verwandter Veranstaltungen aufgegeben wurden, die nicht mehr streng nach sogenannten Genres oder Kunstgattungen unterteilt waren.

1980 traf man die Entscheidung, die Position eines Intendanten einzuführen, wobei die Verantwortlichkeiten des Intendanten von denen des kaufmännischen Direktors (Generalsekretärs) getrennt wurden. Ab 1991 gab es schließlich auch keinen Generalsekretär mehr, sondern der Intendant war gleichzeitig Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft und Generalsekretär der Gesellschaft bürgerlichen Rechts.

Im Jahr 2005 änderte sich die Struktur des Festivals wiederum: nachdem die finanziellen Anstrengungen für die Beteiligung des Landes am Bau der Helmut List Halle hoch gewesen waren, beschlossen Land Steiermark und Stadt Graz die Gründung einer neuen GmbH, der SH Kulturveranstaltungsgesellschaft mbH. Diese Änderung trat 2006 in Kraft und die neue Gesellschaft übernahm auch die Aufgaben des Vereins der Freunde des Steirischen Herbstes.

Heute gehört das Festival zu zwei Dritteln dem Land Steiermark und zu einem Drittel der Stadt Graz, die es aliquot in Form von Gesellschafterzuschüssen subventionieren. Darüber hinaus erhält es finanzielle Unterstützung vonseiten des Bundes, internationale Förderungen und Einnahmen aus Sponsoring und Veranstaltungen. Die Intendanz ist gleichzeitig Geschäftsführung des Festivals und wird vom Aufsichtsrat begleitet.

Credits und Dankeschön

Herausgeberin und Projektleitung: Ekaterina Degot
Texte (Intendanzen und Ausgaben): Eva Scharrer
Projektkoordination, Recherche, Texte (Reihen): Barbara Seyerl
Managing Editor: Jeff Thoss
Leiterin Archiv: Marlene Obermayer
Website Manager: Fotini Lazaridou-Hatzigoga

Übersetzungen: Amy Klement
Lektorat Englisch: Tas Skorupa
Korrektorat Deutsch: Rainer Wieland
Korrektorat Englisch: Aaron Bogart
Bild- und Filmredaktion: Iris Ströbel, Barbara Seyerl
Fotos der Publikationen: Clara Wildberger

Design: Grupa Ee
Webentwicklung: Systemantics

Besonderer Dank gilt Henriette Gallus für die Idee, dem gesamten Team des steirischen herbst für seine Unterstützung, sowie den zahlreichen Fotograf:innen, Künstler:innen, Institutionen und Privatpersonen, die uns Materialien für die Retrospektive zur Verfügung gestellt haben.

Dank an:
Brigitte Bidovec, Barbara Fränzen, Christine Frisinghelli, Roman Grabner, Horst Gerhard Haberl, Heimo Hofgartner, Kurt Jungwirth, Veronica Kaup-Hasler, Bernhard Lang, Tanja Milewsky, Heide Oberegger, Andreas Peternell, Wolfgang Reiter, Ulrich Reiterer, Thomas Trenkler

Diese Seite baut auf der Datenbank zum Archiv des steirischen herbst auf, die unter der Intendanz Veronica Kaup-Haslers und der maßgeblichen Mitarbeit des langjährigen Archivars Martin Ladinig zustande kam.

Retrospektive
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