Serie: open house

1975–82

In der Geschichte des steirischen herbst nimmt open house eine Sonderstellung ein: Es war die erste Reihe, die das Festival 1975 als neu gegründete Veranstaltungsgesellschaft selbst durchführte. Davor wurde das Programm des steirischen herbst durch jene Partnerinstitutionen bestimmt, die Veranstaltungsreihen einbrachten – darunter das Forum Stadtpark, das ORF-Landesstudio Steiermark, die Neue Galerie der Stadt Graz, die Akademie für Musik und darstellende Kunst und die Vereinigten Bühnen Graz. Mit open house läutete das Festival eine Zentralisierung ein, die schließlich zur Auflösung der klassischen Reihen führte.

Besonders war open house auch, weil es ein einzigartiges Kinder- und Jugendprogramm bot mit Formaten, die es im steirischen herbst danach nicht mehr gab, etwa Chanson, Pantomime, Kleintheater und Zirkus. Sieben Jahre lang sollte es einen bedeutenden Teil des Programms ausmachen. Konzipiert wurde die Reihe von Ilse Maria Vollmost, die neben Paul Kaufmann und dem späteren Intendanten Peter Vujica die Geschäftsführung der Steirischer Herbst Veranstaltungsgesellschaft mbH innehatte.

Das open house hatte zu Beginn einem deutlichen Schwerpunkt auf Unterhaltung und verfolgte die Absicht, das Publikum für zeitgenössische Kunst zu erweitern. Nach und nach entwickelte es sich zu einem Vermittlungs- und Bildungsprogramm, das mit Lesungen und Workshops relevante Themen der Zeit ansprach. So nahm die Reihe mit ihren vielfältigen Formaten – zu den bereits genannten kamen noch Jazz, Film, elektronische Oper, Lasershows und Video – die Diversität vorweg, die in den folgenden Jahren charakteristisch für das ganze Festival werden sollte.

In den beiden ersten Jahren fand die Veranstaltungsreihe jeweils während der gesamten Festivallaufzeit statt, später wurde sie auf eine Woche komprimiert. Im Haus der Jugend – heute Orpheum ‒ untergebracht, bot das open house bei freiem Eintritt1 täglich zwischen 15:00 und 24:00 eine Anlaufstelle zur Erprobung eines „spielerischen Kulturverständnisses“2. 1975 präsentierten Bernhard Paul und André Heller innerhalb des open house den Circus Roncalli erstmals der Öffentlichkeit. Neben einem Vortrag von Alfred Schmeller, Direktor des Wiener Museums des 20. Jahrhunderts – heute Belvedere 21 –, gab es Jazz-Konzerte, Lasershows und eine Ausstellung mit Videoarbeiten von Nam June Paik. 1976 kam new dance als eigene Veranstaltung des steirischen herbst hinzu. Zu weiteren Highlights des open house zählten Auftritte von Klaus Rinke und der Trisha Brown Dance Company, ein Workshop für Kinder von Pierre Favre, Theater von Kaspar Fischer und ein Konzert von Friedrich Gulda und Ursula Anders.

Die letzte Ausgabe 1982 beschäftigte sich mit Jugend- und Kulturhäusern in Europa und nahm dafür die Rote Fabrik in Zürich, das Kukuck in Berlin und die Arena in Wien (seit 1976 besetzt) in den Blick. Die zentralen Anliegen waren Bildung und Aufklärung, das Animationsprogramm war gänzlich verschwunden. Für den steirischen herbst hatte das open house zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits an Bedeutung und Attraktivität verloren.

Mit der Intendanz Peter Vujicas flossen Elemente des open house zum einen in den herbstpark (1983), zum anderen in den Programmpunkt falso loco (1984) ein, beides einmalige Programmschienen des Festivals. Ab 1984 fand das Kinder- und Jugendprogramm dann vorwiegend außerhalb von Graz statt, zum Beispiel in Form des Jugendmusikfests Deutschlandsberg und ab 1990 in Form der Kinder-Literaturwerkstatt in St. Lorenzen am Wechsel.


1
Ab 1980 wurde ein Unkostenbeitrag von 10 Schilling (0,73 €) erhoben.
2
Paul Kaufmann (Hrsg.), 10 Jahre steirischer herbst. Eine Bilanz (Wien: Mundus, 1977), S. 177.

Abgelegt unter „open house“

open house 1982
steirischer herbst ’82

open house 1981
steirischer herbst ’81

open house 1980
steirischer herbst ’80

open house 1979
steirischer herbst ’79

open house 1978
steirischer herbst ’78

open house 1977
steirischer herbst ’77

open house 1976
steirischer herbst ’76

open house 1975
steirischer herbst ’75

Retrospektive
Retrospektive
Retrospektive