Wer erzählt, lebt.

Stimmen und Texte einer Literatur der Existenz


Lesung

Daten
1.–10.11.2002

Details
Programm:
Fr. 1. 11. 2002
19.00
Zum Auftakt des Literaturprogramms wird der Erzähler und Essayist Thomas Hettche, 1964 in Gießen geboren, mit einer Lesung aus seinem Roman Der Fall Arbogast in die Geschichte der Nachkriegszeit eintauchen und anhand eines spannenden Kriminalfalls und authentischen Justizskandals nach Schuld und Wahrhaftigkeit fragen.
Sa. 2. 11. 2002
15.00
Joshua Sobol, der bekannteste Dramatiker Israels (Weiningers Nacht), lässt in seinem ersten Roman Schweigen, den er mit dem Schauspieler Paulus Manker vorstellt, einen namenlosen Erzähler auf sein Leben zurückblicken. Achtzig Jahre hatte dieser geschwiegen. Ob er stumm ist oder traumatisiert, bleibt offen. In jedem Fall bricht in seiner Erinnerung der Schrecken der Shoah durch, und die Frage nach der unabänderlichen Wiederholung der Geschichte steht drängend im Raum.
20.00
Raoul Schrott, 1964 in Tirol geboren und heute in Irland lebend, gibt Kostproben aus seinem umfangreichen Werk. Schrott gilt „als poetischer Archäologe, der sich intensiv mit den Grundlagen und Aus-for-mungen der Poesie, mit den kleinen und an den Rand gedrängten Sprachen befasst hat. Mit seinen Übertragungen (zuletzt das Epos „Gilgamesh“) und seinen poetischen Engführungen von Kunst und Wissenschaft in Gedichten und Prosaarbeiten hat sich Schrott schnell einen Namen gemacht.
So. 3. 11. 2002
11.00
In dieser sonntäglichen Matinee wird Ingo Schulze, der 1998 mit seinen Simplen Storys aus der thüringischen Provinz Furore machte und für eine Renaissance literarischer „short cuts“ sorgte, Einblicke in sein neuestes Romanprojekt gewähren. Dabei handelt es sich um einen Briefroman auf der Rückseite verworfener Manuskripte. Diese Briefe wurden Anfang 1990 geschrieben, reichen aber in ihrem Inhalt weit in die DDR zurück.
15.00
Monika Maron stellt ihren jüngsten Roman Endmoränen vor. Die 1941 in Berlin geborene und 1988 vom Ostteil der Stadt in den Westen gewechselte Autorin zählt zu den profiliertesten Stimmen der zeitgenössischen Literatur deutscher Sprache. Seit ihrem ersten Roman Flugasche (1981) bis hin zu Animal triste (1996) und Pawels Briefe (1999) entstanden intensive Dokumente eigener Selbstvergewisserung im Kontext deutsch-deutscher Befindlichkeiten.
Fr. 8. 11. 2002
20.00
Seit Georg Klein mit Libidissi (1998) debütierte, ist ihm der Beifall all derer sicher, die der Schwemme der Adoleszenz-Literatur dieser Tage überdrüssig sind. Kleins Prosa ist höchst artifiziell, bemüht sich um eine elaborierte Sprache, spielt mit literarischen Vorbildern und zelebriert eine Ästhetik des Mysteriösen und Abgründigen. In Graz wird er seinen neuen Band Von den Deutschen präsentieren.
Sa. 9. 11. 2002
19.00
In der Nacht der Literatur kommen sieben jüngere Autorinnen und Autoren zu Wort, die in den letzten Jahren erstmals Aufmerksamkeit auf sich zogen. Antje R. Strubel wird aus ihrer neuen Erzählung Fremd gehen lesen, Annette Pehnt stellt ihr hochgelobtes Erzähldebut Ich muss los vor. In den Romanen von Norbert Niemann (Schule der Gewalt) und Marc Höpfner (Pumpgun) geht es um die Verortung von Aggressivität in unserer Gesellschaft. In ihrem Erzählband Niemandsland erzählt Sonja Rudorf von aussichtslosen Begegnungen und isolierten Gefühlen, German Amok von Feridun Zaimoglu ist eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte im Künstlermilieu, die „innere und äußere Höllen, ideelle und sexuelle Perversionen“ offenbart, und Jochen Schmidt, fester Bestandteil der Berliner „Chaussee der Enthusiasten“, stellt seinen zweiten Roman Müller haut uns raus vor.

Ort
Forum Stadtpark
Graz

Wenn größere Sinnzusammenhänge fehlen, können Lebensentwürfe ins Wanken geraten, und manche Leiderfahrung wird als existentielle Krise empfunden. Wer hingegen seinen Schmerz und seine Angst artikuliert, kann ein Ventil der Befreiung öffnen. Denn wer zur Sprache findet, hat nicht aufgegeben. Er setzt Zeichen der eigenen Existenz und – wenn er zum Sprachrohr der Sprachlosen wird – übernimmt Vermittlungsfunktionen. Darin liegt ein aufklärerisches, politisches Moment begründet, auch wenn Literatur keine unmittelbaren Resultate zu erzielen vermag. Die individuelle Existenz steht in kulturellen Kontexten, das Einzelschicksal kann auf eine kollektive Erfahrung verweisen. Unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen kann Literatur sogar Funktionen des Widerstandes übernehmen. Vor allem aber legt sie Zeugnis ab, vom Bemühen zu überleben und dabei ein Mensch zu bleiben. Denn nicht zuletzt ragt der Schatten des Krieges bis heute auf vielerlei Weise in unsere Gegenwart hinein und verändert sie permanent. Eine „Literatur der Existenz“, wie sie zum Beispiel um 1910 im Expressionismus, in der deutschen Nachkriegsliteratur der fünfziger Jahre oder im Zuge des französischen Existentialismus verortet werden kann, korrespondiert mit grundlegenden Erfahrungen wie zum Beispiel Entfremdung, Ohnmacht und Angst. Sie weiß, angesichts der Fremdheit und Rätselhaftigkeit der Welt, um das letztlich Ungeborgensein und die Begrenztheit des eigenen Seins, um die Geworfenheit in eine oft unverständliche Wirklichkeit . Eine „Literatur der Existenz“ ist zugleich Dokument subjektiver Erfahrung und Ausdruck gesellschaftlichen Bewusstseins. Sie ist radikal, offen, widerständig, provokant und wahrhaftig. Sie dient als Schutzraum und als Form, Wesentliches vor dem Vergessen zu bewahren. Sie geht an die Substanz und den Dingen auf den Grund – in jeder Beziehung.

Konzept / Idee: Thomas Kraft
Autorin / Autor, Text: Thomas Hettche
Autorin / Autor, Text: Joshua Sobol
Autorin / Autor, Text: Raoul Schrott
Autorin / Autor, Text: Ingo Schulze
Autorin / Autor, Text: Monika Maron
Autorin / Autor, Text: Georg Klein
Autorin / Autor, Text: Antje R. Strubel
Autorin / Autor, Text: Annette Pehnt
Autorin / Autor, Text: Norbert Niemann
Autorin / Autor, Text: Marc Höpfner
Autorin / Autor, Text: Sonja Rudorf
Autorin / Autor, Text: Feridun Zaimoglu
Autorin / Autor, Text: Jochen Schmidt

Retrospektive
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