Gründungskomitee

1967–1968

Bereits 1967, ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung des ersten und „einzigen Avantgarde-Festivals Österreichs“, wie der steirische herbst gerne genannt wird1, organisierte das steirische Kulturreferat unter Landeshauptmann Josef Krainer senior (ÖVP) in Graz eine Veranstaltungsreihe bildender und darstellender Kunst und Musik unter ebendiesem Titel in dem bis heute charakteristischen Schriftzug in Minuskeln. Wer also vermutet, dass der spätere steirische herbst mit seinem Namen an den Frühling 1968 mit seinen Studierendenrevolten in Berlin, Paris und anderswo anknüpft, verkennt zumindest einen Teil der ursprünglichen Intention.

Der Gründer des steirischen herbst, Hanns Koren, Universitätsprofessor für Volkskunde, Kulturreferent der steirischen Landesregierung und späterer ÖVP-Landtagspräsident (1970–83), wählte den Titel in Anlehnung an ein Gedicht des steirischen Arztes und Mundartdichters Hans Kloepfer. Das herbstliche Einbringen ertragreicher Ernte in der vom Tourismus als „Genussregion“ angepriesenen Steiermark wird von Koren symbolisch auf Kultur und Wissenschaft übertragen.

Problematisch ist, dass Kloepfer der völkisch-nationalen Ideologie nahestand und ein eifriger Befürworter des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich war. Das progressive, kritische und oft provokante Festival trägt also einen Widerspruch bereits im Namen – eine Widersprüchlichkeit, die auch der Figur des bekennenden Konservativen, sich aber gleichzeitig weltoffen gebenden Hanns Koren anhängt. Einerseits hat er als vehementer Verfechter der Moderne und „Brückenbauer“ die Kunst- und Kulturszene der Steiermark durch diverse prägende Initiativen erneuert und geöffnet, die bis heute nachwirken, andererseits hat er wiederholt Sympathien für „Ehemalige“ gezeigt, ungeachtet deren Verstrickungen mit dem NS-System.

Der nie wirklich stattgefundene Bruch mit der NS-Vergangenheit, die unkritische Vereinbarkeit der Ideologie ihrer Anhänger mit progressiver Kulturpolitik, scheint symptomatisch für die österreichische Nachkriegsgesellschaft bis in die 1980er-Jahre hinein zu sein. Das Engagement für das Neue diente auch dazu, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und die Existenz rechten Gedankenguts jenseits der ÖVP zu leugnen.

Der herbst-Vorgänger von 1967 vereinte bereits existierende, im September und Oktober in der Steiermark aufeinanderfolgende kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen, die auch Teil des späteren Festivals wurden: die von Hanns Koren 1960 gegründete Steirische Akademie; die 1963 ebenfalls von Koren gegründete Dreiländer-Biennale trigon, die als künstlerische Ergänzung zur Steirischen Akademie Kunstschaffende aus den Nachbarstaaten Italien, Jugoslawien und Österreich zusammenbrachte; und die aus der Biennale hervorgegangenen Internationalen Malerwochen der Neuen Galerie Graz, einer fünfwöchigen Künstlerresidenz mit anschließender Ausstellung (seit 1966).

Mit dem trigon-Gedanken, der diese drei Veranstaltungen verband und auch die weitere Ausrichtung des steirischen herbst in den Anfangsjahren prägte, verfolgte man den Anspruch, die künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen der drei Länder in einem gemeinsamen Kulturraum zu vereinen, dessen fragwürdige ideologische Basis jedoch das historische „Innerösterreich“ war ‒ der Zusammenschluss der Herzogtümer Steier(mark), Kärnten, Krain und der Österreichischen Küstenlande zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert.

trigon 67: ambiente/environments setzte unter der künstlerischen Leitung von Wilfried Skreiner und den Kommissär:innen Umbro Apollonio für Italien und Vera Horvat-Pintarić für Jugoslawien neue Standards, die wegweisend für den steirischen herbst und sein interdisziplinäres Programm werden sollten. Das Musikprogramm fiel 1967 hingegen eher volkstümlich-konservativ aus: Es gab unter anderem eine zweitägige Veranstaltung zu Volksmusik im Biedermeier sowie Aufführungen von Richard Wagners Ring des Nibelungen und Johann Strauss’ Operette Tausend und eine Nacht.

Eine Pressekonferenz stellte im März 1968 die neue Veranstaltungsreihe, die das repräsentative Kulturprogramm des Landes konzentriert vom Sommer in den Herbst verlagerte, sowie ihren Geschäftsführer Paul Kaufmann vor. Als Nachfolge der Grazer Sommerspiele, die 1947 als „Kulturspielzeug der Britischen Besatzungstruppen“2 gegründet wurden und 1969 zum letzten Mal stattfanden, und als avantgardistische Antwort auf die etablierten Wiener Festwochen und Salzburger Festspiele, stellte der herbst eine pragmatische Zusammenführung verschiedener kultureller Institutionen und Initiativen dar. Ziel war es, langwierige kulturpolitische Querelen zu einem für alle befriedigenden Abschluss zu bringen. Das Budget der kränkelnden Sommerspiele würde künftig in die neue Veranstaltungsreihe miteinfließen.

Am 23. September 1968 fand die festliche Eröffnung des steirischen herbst im Rittersaal des Grazer Landhauses, dem bedeutendsten Renaissance-Gebäude in Österreich, unter der Schirmherrschaft von Landeshauptmann Josef Krainer senior und mit Hanns Koren als Festredner statt. „Sinn und Zweck des steirischen herbstes“ sei es, „Rechenschaft über die besten im Lande möglichen Leistungen, die aus ihm selbst hervorgebracht werden“, abzulegen, welche den „im gleichen Rahmen stattfindenden künstlerischen Darbietungen und wissenschaftlichen Veranstaltungen anderer Nationen als Ergänzung und im Wettstreit gegenübergestellt werden sollen“.3 Weiterhin betonte Koren, dass sich die Themen der wissenschaftlichen Veranstaltungen und das künstlerische Programm den gegenwärtigen Tendenzen in den darstellenden Künsten verschrieben hätten. Darin zeige sich, dass die Tradition nicht Ziel, sondern Ausgangspunkt sei.

Die bereits erwähnten Programmbausteine Steirische Akademie, Internationale Malerwochen und Dreiländer-Biennale trigon (die jedoch 1968 pausierte) wurden kombiniert mit Darbietungen der Vereinigten Bühnen Graz und Beiträgen des ORF-Landesstudio Steiermark unter Emil Breisach. Dazu zählte insbesondere das von Breisach zusammen mit dem späteren Intendanten Peter Vujica initiierte und koordinierte musikprotokoll, das sich, neben dem eher klassisch-traditionellen Musikprogramm aus Oper und Konzert, ganz der musikalischen Avantgarde und Nachkriegsmoderne verschrieb. Als vielleicht kohärentester und innovativster Programmpunkt der frühen Jahre ist das musikprotokoll die einzige Reihe, die bis heute Teil des Festivals ist.

Entscheidend war auch die Beteiligung des unabhängigen Forum Stadtpark unter Alfred Kolleritsch, das heute ebenfalls noch am steirischen herbst beteiligt ist. Die Aktionsgemeinschaft von Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Kulturschaffenden, die 1959 gegen massive Widerstände die Räume des ehemaligen Stadtpark-Café übernommen hatte, stand für einen erweiterten Kunstbegriff und spartenübergreifendes Arbeiten, mit einem Fokus auf junge, avantgardistische Literatur. Dazu gehörte auch das Literaturreferat, das in den frühen 1960er-Jahren unter anderem die Zeitschrift für Literatur und Kunst manuskripte gründete.

Weitere anfangs beteiligte Institutionen und Spielstätten waren die Hochschule für Musik und darstellende Kunst unter Erich Marckhl (bis 1970), die Neue Galerie Graz im Landesmuseum Joanneum unter Wilfried Skreiner (1966–92), die Grazer Oper und das Schauspielhaus Graz, Vereinigte Bühnen Graz unter Heinz Karl Robert Haberland (bis 1968) und Reinhold Schubert (1968–71) sowie der Kunstpreis der Stadt Köflach für zeitgenössische Malerei.

Das Gründungskomitee um Hanns Koren bestand aus Emil Breisach (Schriftsteller, Kulturmanager, Intendant ORF-Landesstudio Steiermark und Gründungsmitglied des Forum Stadtpark, dessen Präsident er bis 1967 war), Paul Kaufmann (Schriftsteller, Journalist und ÖVP-Politiker; Generalsekretär), Christian Kleinwächter (Bundesministerium für Unterricht), Erich Marckhl (Musikwissenschaftler und Komponist), Reinhold Portisch (Komponist), Wilfried Skreiner (Leiter Neue Galerie Graz) und Günter Waldorf (Gründungsmitglied Forum Stadtpark).

Der bereits angesprochene Widerspruch in der Person Korens als Initiator findet sich auch im Gründungskomitee, das sich aus konservativen ÖVP-Mitgliedern, Angehörigen der progressiven Szene um das Forum Stadtpark und Figuren wie Erich Marckhl zusammensetzte, der bereits vor dem Anschluss Mitglied der illegalen NSDAP war und bis 1945 Professor für Musikerziehung an der Wiener Reichshochschule für Musik. Marckhl war bis 1976 Mitglied des Programmkuratoriums, 1978 wurde ihm der Hanns-Koren-Kulturpreis des Landes Steiermark verliehen.

Eine künstlerische Leitung oder Intendanz gab es vorerst nicht, ebenso wenig ein übergreifendes Thema, das die unterschiedlichen Programmpunkte über den trigon-Gedanken hinaus miteinander verband, wodurch die ersten Festivalausgaben einen recht heterogenen Gesamteindruck machten. Auch fehlte dem steirischen herbst zu Anfang noch ein juridischer Veranstalter – eine rechtliche Autorität, der der Generalsekretär rechenschaftspflichtig ist – sowie ein fixes Budget.

Dass der erste offizielle herbst mit der documenta 4 überlappte, legt einen Vergleich der beiden Veranstaltungen nahe – so unterschiedlich sie strukturell und inhaltlich auch waren, gab es doch Gemeinsamkeiten. Die documenta entstand 1955 quasi aus den Trümmern des zerbombten Kassel als prestigeträchtiges Korrektiv für die Fehler der Vergangenheit und sollte in der Vision ihres Schöpfers Arnold Bode die Moderne nach Deutschland zurückholen. Kassel befand sich ein Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkriegs an der Grenze zur DDR ähnlich wie die Universitätsstadt Graz in einer kulturpolitischen Randlage, hatte mit dem ersten auf europäischem Festland erbauten Museum jedoch auch eine kulturell gewichtige Vergangenheit.

Beiden Städten ging es mit ihren neuen Veranstaltungen zunächst um eine Rückbesinnung auf die verfemte „Avantgarde“: Während die documenta 1955 das deutsche Publikum an die Kunst der Moderne heranführte, bemühte sich der steirische herbst 13 Jahre später um eine Neubewertung beziehungsweise Kenntnisnahme der Neuen Musik. Die daran anknüpfende (wenn auch in Kassel immer etwas hinterherhinkende) Präsentation und Vermittlung des aktuell Gegenwärtigen bot hier wie dort eine Möglichkeit, sich aus der Provinz gegen die Kulturmetropolen zu behaupten.

1
Paul Kaufmann (Hrsg.), 20 Jahre steirischer herbst. Eine Dokumentation (Wien: Zsolnay, 1988), Klappentext.
2
Peter Vujica, „Der ,steirische herbst‘“, in Styrian Window. Bildende Kunst in der Steiermark, 1970‒1995, hg. Christa Steinle und Alexander Foitl (Graz: Droschl, 1996), S. 216.
3
Hanns Koren, „So war es gedacht von Anfang an“, in 10 Jahre steirischer herbst, hg. Paul Kaufmann (Wien: Mundus, 1978), S. 6.

Biografie

Gründungskomitee 1967/68

Vorsitz
Hanns Koren (1906–1985)
1957–70 Landesrat für Kultur (ÖVP)
1970–83 Landtagspräsident

Mitglieder
Emil Breisach (1923–2015)
1958–67 Präsident des Forum Stadtpark
1967–88 Landesintendant des ORF-Landesstudio Steiermark
Mitbegründer des steirischen herbst und des musikprotokoll

Erich Marckhl (1902–1980)
1963–71 Gründungspräsident der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz

Reinhold Portisch (1930–2002?)
1962–70 Musikkritiker und (General-)Sekretär des Musikvereins für Steiermark
Gründungsmitglied des Forum Stadtpark und des musikprotokoll

Wilfried Skreiner (1927–1994)
1966–92 Leiter der Neuen Galerie Graz
Initiator der Internationalen Malerwochen der Neuen Galerie

Günter Waldorf (1924–2012)
Mitbegründer des Forum Stadtpark
Mitherausgeber (gemeinsam mit Alfred Kolleritsch) der Literaturzeitschrift manuskripte
Mitinitiator der Internationalen Malerwochen der Neuen Galerie

Als Gast
Christian Kleinwächter
Bundesministerium für Unterricht, Wien

Generalsekretär
Paul Kaufmann (1925–2015)
ÖVP-Politiker
1968–90 Generalsekretär des steirischen herbst

Festivalausgaben

Retrospektive
Retrospektive
Retrospektive