Christine Frisinghelli

1996–1999

Die Nachfolge von Horst Gerhard Haberl trat 1996 die Kunsttheoretikerin und Kuratorin Christine Frisinghelli an – als Intendanz und Geschäftsführung. Einen radikalen Bruch und Neubeginn, wie von mancher Seite gefordert, gab es nicht. Von Haberl übernahm Frisinghelli noch einige Theater- und Opernproduktionen (Wolfgang Bauer, Anselm Glück, Mayako Kubo) sowie das Projekt Made in Hong Kong und die herbst-Bar. Als langjährige stellvertretende Vorsitzende des Forum Stadtpark war Frisinghelli wie ihre Vorgänger schon eine Weile mit dem Festival verbunden und hatte dort im Rahmen des Symposions über Fotografie bereits mehrere Festivalbeiträge konzipiert.

Als erste Frau an der Spitze des Festivals brachte sie ihr Anliegen ein, Kunst nicht losgelöst von ihren kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu betrachten. Die Institution des Festivals als ein Ereignis, das in zeitlich und geografisch konzentrierter Form inhaltliche Setzungen vollzieht, unterzog sie einer kritischen Reflexion. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Betonung des Festivals als Produktionsort und der Infragestellung hegemonialer, westlich geprägter Kunstbegriffe. Im Programmheft zum steirischen herbst ’96 – das in kompakterem Format und mit einem technoiden 3-D-Plasticover erschien – distanzierte sie sich deutlicher als ihr Vorgänger vom Avantgardebegriff:

Wenn sich der steirische herbst 96 … auf die Suche nach einer Kultur der Differenz begibt und den westlich/europäischen Kunstbegriff auf seine Komplizenschaft mit nach- und neokolonialen Interessen befragt, so versteht sich das nicht nur als Intervention in die aktuellen Identitätsdebatten (ob auf nationalstaatlicher oder gesamteuropäischer Ebene): Die Ansätze vieler Künstlerinnen und Künstler in der Diaspora oder aus ehemaligen Kolonien, ebenso wie die postkoloniale Kritik der europäischen Moderne erfordern eine neue Überprüfung des Standortes dessen, was wir immer noch als Avantgarde bezeichnen.

Mit ihrem Fortschrittsmythos und territorialem Eroberungsdrang stehe die Avantgarde den Hybridisierungen und Wiederholungen einer Kultur der Differenz geradezu diametral gegenüber. Im Sinne von Deleuze und Guattari müsse das Minoritäre in der eigenen Kultur gesucht werden. Frisinghelli verstärkte die Kunstvermittlung des steirischen herbst, verweigerte sich einer populistisch vereinfachenden Sprache und fand trotzdem klare Worte, um sich gegen eine „mediale Skandalisierung und Diffamierung“ zeitgenössischer Kunst in der österreichischen Kulturlandschaft zu behaupten.[footnote Siehe hierzu etwa, als Antwort auf die Reaktionen auf die geplante Aktion von Christoph Schlingensief, Christine Frisinghelli, „Vorwort“, in steirischer herbst 98 (Graz: steirischer herbst, 1998), S. 2‒5.]

Frisinghellis Intendanz hob die sich stets ändernde Unterteilung in darstellende und bildende Kunst, Musik, Literatur, Film und so weiter im Programmheft auf – und betonte in Zusammenarbeit mit zahlreichen Institutionen auch die kooperative Basis des Festivals. Die bestehenden Reihen wie das Symposion über Fotografie, Hör-Fest Steinach, Musiksymposion und -protokoll, Jugendmusikfestival Deutschlandsberg und muerz werkstatt wurden neben einzelnen Projekten und Programmpunkten gelistet. Der Fokus lag deutlich auf Auftragswerken für das Festival. Neben der trigon-Biennale, die in ihrem ursprünglichen Format bereits 1991 zum letzten Mal stattgefunden hatte, verschwanden nun auch die vom Urvater Hanns Koren gegründete Steirische Akademie aus dem Programm sowie, nach einer eher konfliktreichen Umstrukturierung des Forum Stadtpark, das Literatursymposion und 1998 das Symposion über Fotografie.

Generell lässt sich festhalten, dass mit den verstärkt diskursiv ausgerichteten und kuratierten Programmen unter den Intendanzen die Bedeutung der ursprünglichen Reihen für den steirischen herbst abnahm. Die Leitmotive der ersten herbste unter Frisinghellis Leitung waren Remix (1996) und Körper in Gesellschaft (1997), die Künstlerplakate kamen von Jörg Schlick, Martin Kippenberger, Cosima von Bonin und Michael Schuster. Jörg Schlick war es auch, der die Kommunikation des Festivals übernommen hat und durch zahlreiche Projekte in Zusammenarbeit mit jungen Künstler:innen und Akivist:innen zu einer deutlichen Verjüngung des Publikums beigetragen.

Der steirische herbst ’96 startete mit der einwöchigen Jamaican Dancehall All Fruits Ripe Soundbash (Konzept und Idee: Hartmut Skerbisch und Michael Schuster) in der Thalia. Die offizielle Eröffnung war auf dem für den steirischen herbst neu erschlossenen Reininghaus-Gelände, wo auch ein Teil der vielbeachteten, von Peter Weibel kuratierten Ausstellung Inklusion : Exklusion. Kunst im Zeitalter von Postkolonialismus und globaler Migration zu sehen war und die Konzert/DJ-Reihe Phutureworld stattfand, ergänzend dazu fand im Filmbereich die Reihe Ici et ailleurs / Hier und anderswo, kuratiert von Catherine David, statt

Künstlerisch wie musikalisch wurde der steirische herbst in der zweiten Hälfte der Neunziger jünger und globaler, zur Popkultur kamen Crossover, Techno und digitale Medien. Aktuelle kultur- und soziopolitische Themen wurden in interdisziplinär angelegten Ausstellungskomplexen verhandelt: Inklusion : Exklusion (1996), das von Silvia Eiblmayr kuratierte Ausstellungsprojekt Zonen der Ver-Störung (1997), Endoscape Technoscope (1997), Kunst und globale Medien(1998), Re-Make/Re-Model (1999). 1998 ging die außerdem erste Website des steirischen herbst online. Aufsehen erregte 1998 außerdem Christoph Schlingensiefs Aktion Künstler gegen Menschenrechte – Chance 2000 für Graz. 1999 schließlich wurde das Auftragswerk Das Verlobungsfest im Feenreiche von Ulrike Ottinger realisiert, ein Nestroy-Stück in der japanischen Übertragung der Autorin Yoko Tawada, umgesetzt in Zusammenarbeit mit japanischen Musiker:innen und Schauspieler:innen.

In der mit vier Jahren vergleichsweise kurzen Intendanz von Christine Frisinghelli wurde die „eigenartige Beziehung zwischen Köln und Graz als zwei Städten, im Schatten von jeweils größeren und bedeutenderen“1 weiter ausgebaut und trat in ihre letzte und erfolgreichste Phase. Auf Grazer Seite waren die Beteiligten dieses Austauschs neben Frisinghelli Rolf der Dramatiker Wolfgang Bauer, Jörg Schlick und der Galerist Aky Bleich-Rossi, auf Kölner Seite Martin Kippenberger, Christian Nagel, Jutta Koether, Cosima von Bonin und das Team um die Musikzeitschrift Spex.

Zu ihm gehörten Diedrich Diederichsen und der Autor und Dramaturg Christoph Gurk, der 1998 als Kurator zum steirischen herbst wechselte. Zu den von Gurk und Spex konzipierten Projekten zählten 4 Plattenläden für Graz & Musik aus Köln im Reininghaus (1998) und der Komplex Re-Make/Re-Model. Secret Histories of Art, Pop, Life, and the Avant-Garde (1999), mit der Videoinstallation Cross Gender / Cross Genre von Mike Kelley, einem hochkarätigen Symposion und der ersten kompletten Retrospektive der restaurierten Filme von Jack Smith.

Zu Frisinghellis maßgeblichen Verdiensten gehörte aber vor allem die Etablierung der Fotografie zu einem Zeitpunkt, als diese im zeitgenössischen Kunstkontext nur marginal wahrgenommen wurde. Gemeinsam mit Manfred Willmann hatte sie ab 1976 das Fotografie-Programm des Forum Stadtpark aufgebaut. Aus einem „Interesse an der Fotografie vor dem Hintergrund ihrer Situiertheit im Kontext theoretischer, historischer und gesellschaftlicher Debatten“2 initiierten sie 1979 ebendort das erste Symposion über Fotografie. Die Symposien bildeten in den 1970er-Jahren eine der ersten Plattformen des fotohistorischen und -theoretischen Diskurses und zogen bis 1997 zahlreiche weltbekannte Wissenschaftler:innen und Fotograf:innen an. Dieser rege Austausch mündete 1980 in die Gründung der zweisprachigen Zeitschrift Camera Austria International, die bis heute vierteljährlich erscheint und deren Chefredakteurin Frisinghelli bis 2010 war.

Mit der Fotografie und Camera Austria  – zu dem Verein, der bereits seit 1975 Ausstellungen internationaler zeitgenössischer Fotografie organisierte, gehört seit 2003 auch ein eigener Ausstellungsraum mit öffentlich zugänglicher Bibliothek im Kunsthaus Graz – als disziplinärer Verortung im Hintergrund initiierte Frisinghelli mit ihrem Team eine Vielzahl von experimentellen Formaten, wie sie über die nächsten zwei Jahrzehnte inhaltlich wie formal prägend für Festivals und Bühnen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wurden, etwa HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Kampnagel (Hamburg), Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), Tanzquartier Wien, Schauspielhaus Zürich oder die neue Volksbühne Berlin. Gerade im gleichwertigen Einbeziehen von Theater, bildender Kunst, Experimentalfilm und Pop war Frisinghellis Intendanz wegweisend.

1
Diedrich Diederichsen, zitiert in herbstbuch. 1968–2017, ed. Martin Behr et al. (Wien: Styria, 2017), S. 248.
2
„Christine Frisinghelli“, Pionierinnengalerie. Frauen ins Grazer Rathaus, https://www.pionierinnengalerie-graz.at/christine-frisinghelli-geb-1949/, aufgerufen am 31.7.2021.

Biografie

Foto: Heimo Binder

Christine Frisinghelli
(*1949 in Graz)

Kuratorin, Kunsttheoretikerin, Herausgeberin und Dozentin

Studium an der Pädagogischen Akademie Graz, Sprachstudium in Paris 1972–74

1975–85 Administration und Programmkoordination des Forum Stadtpark
1977–95 Mitarbeit am Ausstellungsprogramm des Forum Stadtpark, vor allem an der Konzeption und Organisation von Ausstellungen zeitgenössischer Fotografie (Leitung: Manfred Willmann)
1979–97 Konzeption und Durchführung (zusammen mit Manfred Willmann) der Reihe Symposion über Fotografie des Forum Stadtpark sowie Herausgabe der jeweiligen Publikation (Camera Austria International)
1980 Mitbegründerin und bis 2010 Chefredakteurin der Zeitschrift Camera Austria International
1987–95 Stellvertretende Vorsitzende des Forum Stadtpark
1996–99 Intendantin des steirischen herbst

Auszeichnungen
1992 Hanns-Koren-Kulturpreis des Landes Steiermark
1994 Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (gemeinsam mit Manfred Willmann)

Lehrtätigkeit
1991–92 Gastprofessur an der Universität für angewandte Kunst Wien
1993–2004 Dozentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich
2002–07 Lehrauftrag für Informationsdesign an der FH Joanneum, Graz
2012–18 Dozentin, Master of Photography, Fondazione Modena di Arti Visive, Modena

Ausstellungen (Auswahl)
1993  WAR. Österreichische Triennale zur Fotografie (mit Werner Fenz). Graz.
1994 Another Continent. Tokyo Metropolitan Museum of Photography.
2003 Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung (mit Franz Schultheis). Institut du Monde Arabe, Paris / Camera Austria, Graz (2005 Bibliothèque Nationale d’Algérie; 2012 Jeu de Paume – Château de Tours).
2007  I am not afraid. The Market Photo Workshop in Johannesburg (mit Walter Seidl). Camera Austria, Graz (2008 Langhans Gallery, Prag; 2010 Johannesburg Art Gallery).
2016  Peter Dressler. Wiener Gold (Mit Rainer Iglar und Michael Mauracher). Kunst Haus Wien.
2018 Gastkuratorin am Museum der Moderne Salzburg für die Ausstellung Camera Austria. Labor für Fotografie und Theorie.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Hg. mit Franz Schultheis: Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung. Graz: Camera Austria, 2003 (fr.: Actes Sud, 2003; engl.: Columbia University Press, 2011; gr.: Alexandria, 2017).
Hg. mit Diedrich Diederichsen et al.: Golden Years. Materialien und Positionen zu queerer Subkultur und Avantgarde zwischen 1959 und 1974. Graz: Camera Austria, 2006.
Hg. mit Koko Okano: Seiichi Furuya. Mémoires. 1984–1987. Graz: Camera Austria, 2010.
Time, Place, and the Camera. Photographs at Work. Pristina: Kosovo Art Gallery, 2012.

Festivalausgaben

Retrospektive
Retrospektive
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